Honeckers Fenster am Alexanderplatz: Das Geheimnis eines einzigen Fensters
Am Alexanderplatz gibt es viel, was man kaum übersehen kann: den Fernsehturm, die Weltzeituhr, das Park Inn und die großen Kaufhäuser. Aber direkt gegenüber des Platzes befindet sich ein Gebäude, das die meisten Menschen vermutlich einfach übersehen. In der Fassade eines wuchtigen Plattenbaus in der Memhardstraße gibt es nämlich etwas ausgesprochen Merkwürdiges: ein einziges Fenster an einer ansonsten fast vollständig fensterlosen Seitenwand. Und seit Jahrzehnten hält sich dazu eine erstaunliche Geschichte: Dieses Fenster soll Erich Honecker gehört haben. Doch stimmt das wirklich?

Ein Plattenbau mit einer ungewöhnlichen Fassade
Das Gebäude an der Memhardstraße 2–8 entstand Anfang der 1980er-Jahre als Teil der Neugestaltung rund um den Alexanderplatz. Der Gebäudekomplex wurde nach Plänen der Architekten Roland Korn und Klaus Bläsing errichtet und 1983 fertiggestellt.
Der Bau gehört damit zu jener späten Phase der DDR-Architektur, in der der Alexanderplatz und seine Umgebung grundlegend umgestaltet worden waren. Wo zuvor noch zahlreiche historische Gebäude standen, entstanden große, moderne Wohn- und Geschäftsbauten.
Die Häuser in der Memhardstraße waren dabei keine gewöhnlichen Plattenbauten am Stadtrand. Aufgrund ihrer zentralen Lage gehörte der Komplex zu den repräsentativeren Wohnanlagen des damaligen Ost-Berlins. Nach einer heutigen denkmalpflegerischen Untersuchung steht das Ensemble inzwischen sogar unter Denkmalschutz.
Doch dann ist da dieses eine Fenster.
Das „Honecker-Fenster“
Es befindet sich weit oben an der Seitenfassade des Gebäudes. Rundherum: Beton, Beton und noch mehr Beton. Keine Reihe von Fenstern, keine Balkone – nur dieses eine kleine Fenster.
Schon bald entstand deshalb eine Geschichte, die perfekt in die Welt der DDR passte.
Eine verbreitete Version besagte, dass eine Tochter von Erich Honecker, dem damaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und damit mächtigsten Politiker der DDR, in dem Haus gewohnt habe.
Das Problem: Die betreffende Wohnung habe eigentlich gar kein Fenster an dieser Stelle gehabt. Also soll die Tochter ihren Einfluss genutzt haben, um nachträglich ein Fenster in die Fassade einsetzen zu lassen.
Eine andere Variante der Geschichte ist noch schöner: Honecker selbst habe das Fenster bekommen, um von dort auf den Alexanderplatz und die ihm treu ergebene Bevölkerung hinunterzublicken.
Das Fenster bekam dadurch seinen Spitznamen: „Honeckers Fenster“.
Auch der Berliner Kurier griff die Geschichte auf und berichtete über die verschiedenen Überlieferungen. Dort wird allerdings ebenfalls deutlich gemacht, dass es sich um eine Legende handelt.
Aber Honecker wohnte hier gar nicht
Die Wahrheit ist deutlich weniger spektakulär – aber eigentlich mindestens genauso interessant.
Denn weder Erich Honecker noch eine seiner beiden Töchter lebten in diesem Gebäude. Auch wurde das mysteriöse Fenster nicht nachträglich für die Honeckers eingebaut.
Das Gebäude wurde von Anfang an mit diesem Fenster geplant.
Warum also gibt es dort nur ein einziges?
Die Antwort liegt im Grundriss des Hauses.
Die überraschend einfache Erklärung
Die Wohnungen in dem Gebäudekomplex wurden nicht auf jeder Etage exakt gleich angeordnet. In den unteren Stockwerken verlief an dieser Stelle ein Flur entlang der Außenwand. Deshalb brauchte die Fassade dort auch kein Fenster.
In den oberen Etagen veränderte sich jedoch der Grundriss. Wo sich darunter noch ein Flur befand, lag in einer der oberen Wohnungen schließlich ein richtiger Raum.
Und ein Raum braucht – zumindest wenn man vernünftig bauen möchte – ein Fenster.
So entstand das berühmte kleine Fenster.
Keine Sondergenehmigung für Honecker. Kein geheimes Badezimmer einer Politiker-Tochter. Kein privilegierter Aussichtspunkt auf den Alexanderplatz.
Einfach ein etwas ungewöhnlicher Grundriss.
Warum hält sich die Geschichte trotzdem?
Vielleicht gerade deshalb, weil die Wahrheit weniger spektakulär ist.
Ein einzelnes Fenster in einer ansonsten fensterlosen Wand wirkt merkwürdig. Und die DDR war ein Staat, in dem Privilegien für die politische Führung tatsächlich existierten. Die Vorstellung, dass ein hoher Funktionär einfach ein zusätzliches Fenster in einen Plattenbau einbauen ließ, klingt deshalb für viele Menschen durchaus plausibel.
Hinzu kommt der Ort.
Die Memhardstraße liegt unmittelbar am Alexanderplatz – einem der symbolträchtigsten Orte der DDR. Hier befand sich das politische und gesellschaftliche Zentrum Ost-Berlins, hier fanden Demonstrationen und offizielle Veranstaltungen statt, und hier sollte die sozialistische Hauptstadt ihr modernes Gesicht zeigen.
Da passt die Vorstellung eines kleinen, privilegierten Fensters für den Staatschef natürlich perfekt.
Nur: Es stimmt nicht.
Ein kleines Detail erzählt viel über Berlin
Heute ist das „Honecker-Fenster“ vor allem ein schönes Beispiel dafür, wie sich in Berlin Geschichte, Architektur und Stadtlegenden miteinander vermischen.
Der Plattenbau selbst erzählt von der radikalen Umgestaltung des Alexanderplatzes in den letzten Jahrzehnten der DDR. Das Fenster erzählt dagegen eine andere Geschichte: darüber, wie Menschen versuchen, ungewöhnliche Dinge in ihrer Umgebung zu erklären – und wie aus einer Vermutung irgendwann eine scheinbare Tatsache werden kann.
Wer am Alexanderplatz unterwegs ist, muss dafür nicht einmal weit gehen.
Einfach einmal nach oben schauen.
An der Memhardstraße 2 befindet sich noch immer dieses kleine, einsame Fenster.
Und wenn man die Geschichte kennt, sieht man den Plattenbau plötzlich mit ganz anderen Augen.
Wo befindet sich Honeckers Fenster?
Memhardstraße 2, 10178 Berlin-Mitte, direkt am Alexanderplatz. Das Gebäude ist bewohnt, daher sollte die Privatsphäre der Bewohner selbstverständlich respektiert werden.



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